Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen


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Tatjana Sternberg, geb. 14.03.52 in Berlin

 

Mein Verbrechen war, dass ich einen Mann heiraten wollte, den ich liebte. Ich war gerade 20 Jahre alt, als ich bei meiner Arbeit im damaligen Hotel Stadt Berlin einen Mann aus Westberlin kennen lernte. Er besuchte mich so oft er konnte und wir verliebten uns. Bald stand für uns fest, wir wollen heiraten. Ordnungsgemäß stellte ich einen Ausreiseantrag, doch der wurde abgelehnt. Was ich nicht ahnte: Fortan war ich im Visier der Stasi und wurde Tag und Nacht überwacht. Der irrwitzige Deckname der Stasioperation lautete: "Hänsel und Gretel".

Die Stasi setzte einen Lockvogel auf mich an, der mir die Flucht mit einer Fluchthelferorganisation vorschlug. Als ich dann mit ihm Absprachen und Vorbereitungen für die Flucht traf, schlug die Stasi zu. In meiner Lichtenberger Wohnung wurde ich am 7. November 1973 verhaftet und nach einem 14-stündigenVerhör bei der VP Keibelstraße - wo die Türen keine Klinken hatten, in die Untersuchungshaftanstalt Pankow- Kissingenstraße eingeliefert. Der Vorwurf: Versuchte Republikflucht. Damit begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Meine drei mal vier Meter große Zelle hatte kein Fenster, undurchsichtige Glasbausteine nahmen mir den Blick auf die Welt draußen. Ich fühlte mich wie lebendig begraben und der Stasi hilflos ausgeliefert. Einzelhaft, Schlafentzug, Besuchs- und Kontaktsperre, alles mit dem Ziel der Erpressung von Aussagen. Das ganze Repertoire der Stasi wurde durchgespielt: ständige Verlegungen innerhalb der Haftanstalt mit dem Ziel der Verunsicherung und Störung der Orientierungsfähigkeit, der Einsatz von Abhörgeräten in den Zellen und der Einsatz von Zellenspitzeln, wechselnde Vernehmungspraktiken, Androhung hoher Haftstrafe, dann wieder sofort Freilassung, wenn ich mit dem MfS zusammenarbeite, Androhung von Verfolgung meiner Familie. Das alles dauerte ein Jahr.

Was keiner wusste, ich war schwanger von meinem Westberliner Freund, der inzwischen ebenfalls inhaftiert war. Unter den Strapazen der Verhöre und der Haft verlor ich unser Kind jedoch während dieser Zeit schon im 3. Monat.

Im Mai 1974 war dann der Prozess, bei dem ich zu 4 ½ Jahren verurteilt wurde. Ich legte Berufung ein und das endgültige Urteil lautete für mich dann 3 Jahre und 8 Monate Haft im Frauengefängnis Hoheneck.

In Hoheneck kam es immer wieder zu verbalen Auseinandersetzungen mit den Wärterinnen und den Mörderinnen und Kriminellen. Ich wurde als renitent eingestuft. Für mich wird Arbeitseinsatz bis an die Belastungsgrenze angeordnet. Wir mussten Bettwäsche für den Export nähen und große Warenhäuser in der Bundesrepublik kauften die billigen Sträflingsprodukte. Unsere Arbeitsnorm war enorm hoch, Arbeit im 3 Schichtsystem, auch an den Wochenenden, Sonderschichten. Wir lebten mit 24 Gefangenen auf 24 qm pro Zelle, hatten keine körperlichen Aktivitäten und nur 20 min Hofrundgang am Tag. Es gab Denunziationen durch Mörder und Kriminelle. Wegen sinkender Arbeitsleistung und Protest gegen die unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen wurden immer wieder Disziplinarmaßnahmen wie Ausschluss vom Hofrundgang, Entzug des "Verdienstes", Einkaufsverbot, Postsperre, Besuchssperre gegen uns verhängt, verbunden mit Misshandlungen durch das Wachpersonal. Es gab einen gefürchteten Schlägertrupp dort. Andere Maßnahmen waren Freizeit- und strenger Arrest bei Wasser und Brot und nur jeden 3. Tag eine lauwarme Suppe.

Mein Widerstand führt immer wieder zu strengem Einzelarrest in der Kellerzelle mit Liegeverbot und Zellenverdunkelung. Einmal drangen Abgase aus der über der Arrestzelle befindlichen Autoreparaturwerkstatt drang die Öffnung der undurchsichtigen Glasbausteine im Fenster in die Kellerarrestzelle. Ich wollte raus, glaubte zu ersticken, schlug mit meinen Fäusten und dem Sitzhocker gegen die Zellentür. Mitarbeiter des Wachpersonals öffneten die Arrestzelle. Einer von ihnen schlug mir mit der Faust derart ins Gesicht, dass ich rückwärts hinschlug und bewusstlos wurde. Als ich langsam zu mir kam, erkannte ich schemenhaft einen Mann im weißen Kittel, der mir trotz Fußgestrampel eine Spritze (Lepinal 0,2) gab. Ich erwachte später in einer Gummizelle und fand mich in einer weiß-grauen Zwangsjacke wieder. Wie lange ich mich dort aufhalten musste, ist ihr nicht mehr erinnerlich. Ich erinnere mich nur noch, dass ich dort ohne Behältnis meine Notdurft verrichten musste.

Wir litten unter Mangelernährung, hatten unzumutbare hygienische Verhältnisse wie Duschen 1x im Monat. Während meiner 3-jährigen Haftzeit durfte ich 2 x Besuch Empfangen, 1x im Monat einen Brief an meine Familie schreiben, 1x Post erhalten - alles streng zensiert, die Meisten wurden mir nie ausgehändigt.

Die unmenschlichen Haftbedingungen zeigten ihre Spuren auch bei mir und ich bekam Medikamente gegen meine Krankheiten. Hier schob mir das Personal dann auch Prothazin unter, ein Psychopharmaka, dass die Reaktionsfähigkeit massiv einschränkt, tief im Gehirn wirkt und süchtig macht. Dies erfuhr ich erst nach der ersten Akteneinsicht 1996. Die Dosis wurde ständig verändert. Schließlich kam der Kollaps: Mit Vergiftungserscheinungen kam ich auf die hafteigene Krankenstation. Die Dosis wurde so erhöht, dass ich mich an nichts mehr dort erinnern kann; ich war fast tot. Nach der Arreststrafe litt ich dann einige Zeit unter massivem Sprachverlust.

1976 kam Bewegung in meinen Fall, ich sollte freigekauft werden. Weil es schnell gehen musste, landete mein Fall sogar auf dem Schreibtisch von Stasi-Chef Erich Mielke. Anfang Oktober 1976 unterzeichnete er die Einwilligung zu meinem Freikauf und am 26. Oktober 1976 fuhr ich mit dem Häftlingsfreikaufsbus von Karl-Marx-Stadt über Herleshausen nach Gießen.

Im Westen flog ich sofort zu meinem Freund nach Westberlin; auch er war wieder frei. Nach all diesen Qualen waren wir am Ziel. 1984 erblickte unser Sohn das Licht der Welt. Doch unsere Ehe zerbrach, die Jahre im Gefängnis hatten uns verändert. Ich ging immer weniger aus dem Haus, bekam Angstzustände, war über lange Zeit nicht mal mehr in der Lage, meinen Alltag zu bewältigen. Eine jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt begann; einige hielten mich sogar für einen Hypochonder. Erst eine Rehabilitationskur mit psychosomatischem Schwerpunkt förderte dann die Ursachen zu Tage.

Gemäß Auswertung meiner Stasiunterlagen befand ich mich in meiner fast 3-jährigen Haftzeit insgesamt 13 Wochen in Einzelhaft bzw. im strengen Arrest. Mir wurden ohne Aufklärung während der Haftzeit die nachstehend aufgeführten Medikamente verabreicht: Nifuran, Tyrasol, Simagel, Normacol, Cholosysnon, Chloramphenicol, Faustan, Radepur, Mephentermin, Lepinal und Prothazin.

Mit dem Mauerfall hatte mich die Geschichte dann wieder eingeholt. Durch jahrelange psychologische Hilfe, gerade bei der Beratungsstelle Gegenwind, konnte ich meinen Zustand endlich stabilisieren. Glücklicherweise sind meine Stasiakten umfangreich erhalten und belegen auch hier, wie mit Ausreisewilligen und Andersdenkenden, die Widerstand leisteten, umgegangen wurde. Bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Birthler-Behörde, wurde zu meiner Person bisher gefunden: 1996 - 1500 Seiten, 1998 - 1300 Seiten und 2004 weitere 4000 Seiten. Alles Informationen über einen jungen Menschen, der heiraten und im Land seines Ehepartners leben wollte. Was für ein Wahnsinn!

Darüber, dass ich das alles überlebt habe, kann ich mich bis heute nicht mal richtig freuen.

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